Letzte Woche hat uns ein Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens gefragt, ob er Honeyfield in zwei Jahren überhaupt noch braucht. Seine Tochter habe gerade an einem Wochenende mit Lovable eine App gebaut, die "ziemlich gut aussieht".
Wir verstehen die Frage. Sie kommt im Moment häufig. Und unsere Antwort ist immer dieselbe: Was die Tochter gebaut hat, ist beeindruckend. Aber es ist keine Software im Sinn dessen, was wir für unsere Kunden bauen.
Das ist kein Schönreden, sondern eine Unterscheidung, die viele gerade übersehen. Und wer sie übersieht, trifft falsche Entscheidungen.
Was Lovable, Bolt und Claude Code wirklich können
Wir nutzen diese Werkzeuge selbst, jeden Tag. Sie sind großartig für das, wofür sie gemacht sind: Ideen sichtbar machen. In zehn Minuten steht ein Prototyp, der eine Funktion zeigt, ein Layout transportiert oder eine Diskussion im Team konkret werden lässt. Das ist echter Mehrwert.

Was diese Werkzeuge nicht können – nicht weil sie schlecht sind, sondern weil das nicht ihr Zweck ist:
Sie liefern keine Software, die du bei der Bank in Produktion bringen kannst. Sie kennen deine bestehende IT-Landschaft nicht. Sie kümmern sich nicht um DSGVO, DORA oder NIS2. Sie haben kein Konzept von Skalierung über zehntausend Nutzer hinaus. Sie wissen nicht, was passiert, wenn dein API-Provider in sechs Monaten den Endpoint ändert. Sie haben keinen Plan für den Fall, dass eine Sicherheitslücke in einer eurer Abhängigkeiten auftaucht.
Anders gesagt: Sie liefern den ersten Prozent eines Projekts. Den ersten Prozent, der früher Wochen gedauert hat. Das ist viel wert. Aber die anderen 99 Prozent verschwinden nicht, nur weil der erste schneller geht.
Wie wir das gerade selbst gelernt haben
Wir machen seit Monaten ein Selbstexperiment, das unsere These viel besser belegt als jedes theoretische Argument: Wir managen unsere eigenen Google Ads mit KI.
Die Theorie war: Wenn KI das Coden für uns übernehmen kann, kann sie auch das Marketing. Wir verbinden Claude mit unserem Google Ads Account, lassen ihn Statistiken analysieren, Landing Pages anpassen, Keywords optimieren. Technisch funktioniert das einwandfrei.
Trotzdem haben wir Geld verbrannt. Nicht weil die KI schlecht ist, sondern weil uns das Wissen fehlte. Wir wussten nicht, was wir die KI fragen sollen. Wir konnten ihre Vorschläge nicht beurteilen. Wir haben Optimierungen umgesetzt, die in der Theorie sinnvoll klangen, in unserem konkreten Markt aber nicht funktionierten.
Heute, ein paar Monate später, sind wir besser. Nicht weil die KI besser geworden ist, sondern weil wir uns das fehlende Wissen angeeignet haben. Jetzt funktioniert die Kombination.
Genau dasselbe gilt für Software. Wer Marketing nicht versteht, macht mit KI schlechtes Marketing schneller. Wer Software nicht versteht, baut mit Lovable schlechte Software schneller. KI ist ein Verstärker. Sie verstärkt vorhandenes Können – und auch fehlendes.
Was sich für Auftraggeber wirklich ändert
Die ehrliche Veränderung für Unternehmen, die Software in Auftrag geben, ist nicht "ich brauche keine Agentur mehr". Sie ist subtiler und wichtiger:
Die Erwartungshaltung steigt. Wenn ein Prototyp in einer Stunde steht, fragt sich jeder Stakeholder, warum die produktive Version Monate braucht. Das ist eine Kommunikationsaufgabe, der wir uns als Agentur stellen müssen. Und es ist eine berechtigte Frage. Vieles, was früher lange gedauert hat, geht heute schneller.
Die Spezifikation wird wichtiger. Wer früher mit drei Wireframes ankam und sagte "macht mal", bekam ein Angebot über drei Monate Konzeptphase. Heute können wir oft in einer Woche einen klickbaren Prototyp bauen, an dem dann wirklich diskutiert wird. Das verlagert Aufwand vom Konzept in die Umsetzung – und macht Projekte besser.
Die Anforderungen explodieren. Jeder Kunde will jetzt KI-Features in seinem Produkt. Jeder will Personalisierung, Recommendation Engines, Chat-Interfaces. Was vor zwei Jahren noch ein Innovationsprojekt war, ist heute eine Standardanforderung. Diese Anforderungen müssen immer noch gebaut, integriert, getestet, gewartet und abgesichert werden.

Was sich für unsere Branche ändert
Die Sorge in Agenturen ist verständlich: Wenn wir Sachen schneller bauen, fakturieren wir weniger Stunden. Aus dieser Logik folgt: weniger Umsatz.
Diese Logik ist falsch. Sie war schon falsch, als IDEs Autovervollständigung bekamen. Sie war falsch, als Frameworks die Hälfte der Boilerplate übernommen haben. Sie ist auch jetzt falsch.
Was wirklich passiert, ist eine Verschiebung. Die einfachen, repetitiven Teile des Jobs werden günstiger. Die anspruchsvollen Teile werden wichtiger:
Wartung wird zentral. Wer mehr Software hat, hat mehr Software, die läuft, kaputtgehen kann und Sicherheitsupdates braucht. Security wird kein Nice-to-have mehr. Mit DORA, NIS2 und der wachsenden Bedrohungslage ist das Pflicht. Integration wird komplex. Die KI-Funktion in eurer Software muss in eure bestehende Infrastruktur, eure Authentifizierung, eure Datenhaltung passen.
Und neue Themen entstehen. KI-Lösungen brauchen Menschen, die sie konzipieren, integrieren und betreiben. MCP-Server, AI-Gateways, Agenten-Architekturen. Vor zwei Jahren gab es das nicht als Beratungsthema. Heute sind das die Projekte, die unsere Auftragsbücher füllen.
Worauf wir Wert legen
Wir bauen keine Software mehr, ohne KI als Werkzeug einzusetzen. Wir wären unverschämt langsam, wenn wir das täten. Aber wir bauen auch keine Software, die ein Lovable-Prototyp jemals ersetzen könnte. Die Realität liegt nicht an einem der beiden Extreme, an denen sich gerade alle abarbeiten.
Wer als Geschäftsführer überlegt, ob er noch eine Agentur braucht, sollte sich eine andere Frage stellen: Was muss meine Software in drei Jahren leisten? Wie kritisch ist sie für mein Geschäft? Was passiert, wenn sie ausfällt? Wer haftet?
Wenn die Antworten lauten "viel, sehr, ein Drama, ich" – dann ist Lovable nicht das Werkzeug für die Hauptarbeit. Dann ist es das Werkzeug für die Klärung der ersten Idee, bevor jemand wie wir übernimmt.
Lust auf ein ehrliches Gespräch?
Wenn ihr gerade selbst zwischen "wir machen das mit ChatGPT in-house" und "wir holen uns eine Agentur" abwägt – wir nehmen uns gern eine halbe Stunde Zeit für eine ehrliche Einschätzung. Ohne Verkaufsdruck. Wir sagen euch, was wir an eurer Stelle machen würden, auch wenn das ist, dass ihr es selbst macht.
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